Maite Kelly im Interview

Maite Kelly
© Universal Music

 

Ihr neuestes Album heißt „Die Liebe siegt sowieso“. Wie sehr brin­gen Sie sich ein mit Text, Musik und Pro­duk­tion?

Maite Kel­ly: Ich habe vor anderthalb Jahren begonnen, das Album zusam­men mit meinem Team zu schreiben. Ich bin nicht nur in den Schreibphasen, son­dern auch in den Pro­duk­tion­sphasen aktiv dabei. Wenn ich ein Song­gerüst fer­tig habe, gehe ich damit zu Roland Sprem­berg und sage ihm, in welch­er Rich­tung ich es gerne pro­duziert haben möchte. Zudem arbeite ich mit dem Arrangeur Oli Nova zusam­men. Felix Gaud­er hat sich vom Szene-DJ zu einem Top-Pro­duzen­ten entwick­elt. Dann gebe ich gemein­sam mit Olaf Bossi den Tex­ten den let­zten Schliff. Mein Job ist es, die Songs nicht nur sehr gut zu sin­gen, son­dern ein Gesamt­ge­fühl zu trans­portieren. Die Hör­er sollen jeden Song drei­di­men­sion­al empfind­en. Entwed­er ist der Hör­er Beobachter oder er hat das Gefühl, dass er den Song sel­ber singt. Oder er singt den Song für jemand anderen.

Warum ist die Liebe dies­mal Ihr Haupt­the­ma? Ist „Die Liebe siegt sowieso“ gar ein Konzep­tal­bum?

Maite Kel­ly: Über­haupt nicht. Es war rein­er Zufall, dass wir so viele The­men über die Liebe hat­ten. Ich habe ursprünglich 30 Songs geschrieben und 22 davon pro­duziert. Ich bin aber kein Fre­und von Konzep­tal­ben. Auch die großen Per­sön­lichkeit­en des Schlagers hat­ten bei jedem Album eine gewisse Tonal­ität und Botschaft, aber nicht bewusst. Ich werde bald 40 und schlage das zweite große Kapi­tel meines Lebens auf. Vielle­icht habe ich mich noch nie so sehr mit der Liebe beschäftigt wie jet­zt als erwach­sene Frau. Wenn man sich nach dem Sinn des Lebens fragt, kommt man immer wieder auf die Liebe und vor allem die Fre­und­schaft. Meine Schei­dung hat mich natür­lich sehr beschäftigt. Solch ein Bruch ist eine Chance, sich noch ein­mal klar zu machen, was wichtig ist im Leben. Ich reagiere mit jedem neuen Leben­s­jahr immer sen­si­bler auf die kleinen Gesten mein­er Mitar­beit­er, Fre­unde oder Fam­i­lie. Ich spüre, wie zer­brech­lich ich bin, aber in dieser Nah­barkeit liegt auch meine größte Kraft.

Wie gut ken­nen Sie sich mit dem The­ma Liebe aus?

Maite Kel­ly: (lacht) Ob ich eine Liebe­sex­per­tin bin? Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich die Liebe liebe und die Liebe lebe, so gut ich kann, und zwar in allen Facetten – ob als Frau, Mut­ter oder Mit­bürg­erin. Man muss nicht viel Erfahrung haben, um die Liebe zu ver­ste­hen. Man fühlt sie ein­fach. Die Liebe kommt auch immer unge­fragt – und sie macht, was sie macht.

Welch­er Song auf der Plat­te beschreibt Sie am besten?

Maite Kel­ly: „Wenn ich liebe“ beschreibt mich als Frau. Wenn ich mit einem Mann zusam­men bin, gebe ich mich ihm völ­lig hin. Das kann gut gehen oder auch nicht (lacht). Die Liebe kommt und sie kann auch wieder gehen.

Muss man alles über das man singt selb­st durch­lebt haben, um authen­tisch zu sein?

Maite Kel­ly: Man muss nicht alles selb­st erlebt haben, um authen­tis­che Gefüh­le rüberzubrin­gen. Ich bin noch nie eine Beziehung einge­gan­gen ohne die Absicht, dass sie für immer ist. Aber es gibt auch Momente, in denen man sich von ein­er großen Liebe ver­ab­schieden muss. Es gibt enge Fre­und­schaften, die auseinan­derge­hen und man weiß Jahre später nicht, warum man damals nicht Danke gesagt hat.

Wer oder was hat Sie zu dem Song “Ich bin da” inspiri­ert?

Maite Kel­ly: Mama Ursu­la. Das ist eine ganz tolle Frau aus ein­er anderen Gen­er­a­tion. Sie hat vieles erlebt und keine Angst davor, auf eige­nen Beinen zu ste­hen. Wenn Mama Ursu­la zu mir sagt: „Ich bin da“, dann hat das einen bes­timmten Nachk­lang. Das ist ein Satz, der für mich musikalisch noch nie einger­ahmt wurde. Ich wollte aus­drück­en, wie es sich anfühlt, wenn jemand wirk­lich für einen da ist!

Ein Lied auf der Plat­te heißt „Held (Ein Löwen­herz)“. Was hat Liebe mit Helden­tum zu tun?

Maite Kel­ly: Dieser Song ist eine klare Hymne für unsere Andrea. Meine Kinder haben keine Oma, weil meine Mut­ter schon ver­stor­ben ist. Andrea ist mein Rück­halt, wenn ich unter­wegs bin, weil sie dann auf meine Kinder auf­passt. Ohne die Helden des All­t­ags kann unsere Gesellschaft nicht so stark bleiben wie sie ist. Ein­er mein­er besten Fre­unde ist Kfz-Mechaniker. Zu meinen Konz­erten kommt vielle­icht der Notar aus der Eifel, aber auch die Bäck­erin von nebe­nan. Sie alle teilen meinen Sinn für Humor und Poe­sie. „Held“ habe ich geschrieben für die Heroen des All­t­ags. Sie sind boden­ständig und haben einen gesun­den Men­schen­ver­stand. Man muss kein Philosoph sein, um die Ethik von Aris­tote­les ganz klar zu leben. Die Men­schen, die ich liebe und für die ich singe, sind ehrliche Häute mit einem Gefühl für Gemein­schaft. Sie geben mir das Gefühl, dass wir diesen Wahnsinn über­leben, der ger­ade in der Poli­tik passiert. Son­st würde ich wahrschein­lich meinen Humor ver­lieren.

Ist Liebe die einzige Antwort auf den Hass und die Angst unser­er Zeit?

Maite Kel­ly: Ja. Wenn man über Liebe spricht, darf man die ero­tis­che Liebe nicht vergessen. Sie allein reicht aber nicht, um den Men­schen durchs Leben zu tra­gen. Er braucht vor allem Fre­und­schaft und Brüder­lichkeit. Es gibt Men­schen, die ver­spüren selb­st unter den schwierig­sten Bedin­gun­gen noch Freude. Das ist auch ein Ansatz in mein­er Leben­sphiloso­phie, die gepaart ist mit Liebe. Aus dieser Kom­bi­na­tion entspringt eine weit­ere Kraftquelle: die Zuver­sicht.

Wie wichtig ist der Schlager für Ihr eigenes See­len­leben?

Maite Kel­ly: Große Sänger wie Udo Jür­gens oder Roland Kaiser haben ver­standen, dass gute Schlager Lebenslieder sind. Der Lebenss­chmerz des Men­schen wird dadurch gelin­dert, dass man eine gewisse Tiefe in Leichtigkeit ver­packt. Wenn meine Musik das Place­bo gegen Liebeskum­mer ist, dann habe ich meine Mis­sion als Kün­stler erfüllt. Ich bin ein Lebenss­chmerzbe­gleit­er. Manch­mal hil­ft nur Lachen und manch­mal nur Tanzen und dafür brauche auch ich Musik!

Sie haben schon als Kind auf der Bühne und im Plat­ten­stu­dio ges­tanden. Wie haben Sie das alles emo­tion­al verkraftet?

Maite Kel­ly: (lacht) Indem man die Dinge ernst, aber nicht zu ernst nimmt. Wenn es um Herz­schmerz oder Krankheit­en geht, sind wir doch alle gle­ich. Eine Psy­chose kann jed­er entwick­eln. Ich will nicht mit Selb­st­mitleid anfan­gen, son­dern lieber immer dankbar bleiben. Dankbarkeit und die Fähigkeit sich helfen zu lassen sind das beste Mit­tel gegen jede psy­chis­che Krankheit oder Angst.

Was ist eine gute Work-Life-Bal­ance?

Maite Kel­ly: Ich halte die Waage, indem ich „Nein“ sage. Ich habe einen tollen Man­ag­er, der let­ztens meinte: “Ich habe das Gefühl, dass du hast mich ange­heuert hast, nur um Nein zu sagen”. Das „Nein“ ist ein guter Fre­und der Muße. Die Stille ist mein bester Berater und Begleit­er.

Sie sind die Zweitjüng­ste von zwölf Geschwis­tern. Wie behütet sind Sie aufgewach­sen?

Maite Kel­ly: Behütet, weil wir eine geschlossene Truppe waren. Aber bei sieben Brüdern muss man schon über­legen – um zu über­leben. (lacht)

Wie oft in Ihrem Leben haben Sie das Glück gefun­den?

Maite Kel­ly: Ich mag das Wort „Hap­pi­ness“ nicht so gerne, weil es von „Hap­pen­ing“ kommt. Das bedeutet, das Gefüh­le von Äußer­lichkeit­en bee­in­flusst wer­den. Das ist mir nicht tief genug! Es gibt in der Bibel ein Wort, das ich sehr liebe: Freude. Freude kann man auch in den schreck­lich­sten und schmerzhaftesten Momenten empfind­en. Freude trans­formiert den Schmerz. Freude ist die Zwill­ingss­chwest­er von Demut. Man muss sich auch mal dazu entschei­den, aktiv ein glück­lich­er und zufrieden­er Men­sch zu sein.

Wie schaf­fen Sie den Spa­gat zwis­chen Mut­ter und Pop­star?

Maite Kel­ly: Der Gedanke, dass Arbeit und Fam­i­lie zwei ver­schiedene Wel­ten sind, ist grund­sät­zlich falsch. Wer so denkt, führt ein Dop­pelleben. Ich bin da ganz anders aufgewach­sen. Es gibt bei mir die kon­tem­pla­tive Zeit und die apos­tolis­che Zeit. Stille ist ein guter Berater. Während ich im Kochtopf rühre oder die Bet­ten der Kinder mache, sprießen bei mir die Ideen. Außer bei der Gold­e­nen Henne und der Echo-Ver­lei­hung war ich dieses Jahr auf kein­er Par­ty. Das inter­essiert mich nicht. Während meine Kinder in der Schule sind, schreibe ich Songs. Und wenn sie wieder da sind, bin ich Mut­ter. Nein zu sagen kostet mich sehr viel Kraft, aber es führt zu guten Inhal­ten wie der Kinder­buchrei­he über die Hum­mel Bom­mel. Es hil­ft mir auch, auf dem Boden zu bleiben.

Die Hum­mel Bom­mel glaubt nicht, dass sie mit ihren kleinen Flügeln und ihrem run­den Kör­p­er fliegen kann. Wie viel von Bom­mel steckt in Ihnen selb­st?

Maite Kel­ly: Die kleine Hum­mel Bom­mel fliegt ein­fach ohne darüber nachzu­denken. Sie kann mit ihren kleinen Flügeln großes Gewicht tra­gen. Die Hum­mel ist das erste Insekt, welch­es nach dem Ende des Win­ters raus­fliegt. Diese Fig­ur ist mir manch­mal erschreck­end nah. Ich glaube sog­ar, dass die Hum­mel Bom­mel jedem nah ist, der unter­schätzt wird. Es gibt viele kluge Men­schen, die verkan­nt wer­den, weil sie vielle­icht nicht klug wirken. Sie sehen nicht aus, als kämen sie von einem anderen Stern. Die kleine Hum­mel Bom­mel hat aber nicht das Gefühl, dass sie nicht fliegen kann. Erst als andere ihr das sagen, sucht sie sich Leit­fig­uren, die sie auf den Weg führen. Ich hat­te Gott sei Dank im richti­gen Moment immer die richti­gen Leute. Ohne Klaus zum Beispiel hätte ich nie deutsche Songs gemacht, weil mir die halbe Welt davon abger­at­en hat. In Zeit­en von Trump und Putin brauchen wir solche Leit­fig­uren. Mein Album ist ein Beispiel dafür, wie man in sich hinein­lauschen und seine eigene Stimme hören kann.

2019 gehen Sie wieder auf Tournee. Was ste­ht auf dem Pro­gramm?

Maite Kel­ly: Meine Show beste­ht aus drei ver­schiede­nen Ele­menten: Bal­laden, Dra­men und Com­e­dy. Es ist eine dra­matur­gis­che Show – mit meinen eupho­rischen Hits, melan­cholis­chen Momenten, ich erzäh­le aus meinem Leben, eine musikalis­che Reise, ein gemein­sames Hap­pen­ing.

Sind Konz­erte die Königs­diszi­plin für jeden Musik­er?

Maite Kel­ly: Konz­erte zu spie­len ist eine von vie­len Königs­diszi­plinen und eine ganz eigene Gabe. Es gibt Kün­stler, die wollen nur auf die große Bühne. Mit der Kel­ly Fam­i­ly hat­ten wir in Frankre­ich mal eine Show, zu der wirk­lich kein Men­sch gekom­men war. Mein Vater wollte schon auf­brechen, als auf ein­mal ein Pärchen auf­tauchte. Da entsch­ied mein Vater, dass wir das ganze Konz­ert jet­zt nur für diese bei­den spie­len. Und es wurde die schön­ste Show, die ich in mein­er Kind­heit je erlebt habe. Ein Kün­stler ist sein Geld nicht wert, wenn er nicht bere­it ist, auch für einen einzi­gen Zuhör­er alles zu geben. Ich will nur für die Men­schen da sein. Ich würde auch für einen Einzi­gen spie­len. Als ich als Kind Bruce Spring­steen gese­hen habe, hat­te ich das Gefühl, er singe in dem Moment nur für mich allein. Das ver­suche ich auch in meinen eige­nen Konz­erten zu ver­mit­teln.

Quelle: VOLL:KONTAKT UG & Co. KG




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